Trauerrede Muster


Prominente Trauerreden

Thomas Gottschalk Trauerrede für Marcel Reich-Ranicki

„Als ich gebeten wurde, bei der Trauerfeier von Marcel Reich-Ranicki das Wort zu ergreifen, habe ich zuerst abgewinkt. Unmöglich erschien es mir, auch nur annähernd die richtigen Worte zu finden, die dem Ernst dieses Lebens und der Größe dieses Mannes gerecht werden. Hundertmal erschien mir Distanz zwischen seiner Gedankentiefe und der Oberflächlichkeit meines Lebens. Sein Sohn war es, der diese Zweifel zerstreut hat und mir geschrieben hat, ‚Ob es ihm gefiel oder nicht, und natürlich gefiel es ihm, war mein Vater auch ein Mann des Fernsehens.In der Tat wären wir uns nie begegnet, wenn Reich-Ranicki nicht bereit gewesen wäre, den Elfenbeinturm des Feuilletons dann zu verlassen, wenn ihm der Ausflug neue Erkenntnisse zu versprechen schien und ihn nicht zu langweilen drohte.Umgekehrt begriff auch ich sofort, dass dieser Mann trotz des meist erhobenen Zeigefingers das Zeug zum Publikumsliebling hatte. Er war gerne zu Gast in meinen Sendungen, saß da manchmal und wirkte trotzdem nie fehl am Platz. Weil er von vornherein wusste, dass er bei mir niemanden treffen würde, mit dem er sich auf Augenhöhe über Literatur hätte streiten können, ergab er sich ohne jede intellektuelle Arroganz, aber mit einer fast kindlichen Freude dem sinnlosen Treiben. Aber immer nutzte er seine Auftritte im Fernsehen, um dort Werbung für das Lesen zu machen.Ich kannte Reich-Ranicki bereits ziemlich gut, als seine Biographie ‚Mein Leben erschien. Ich hatte mich gerade wie viele meiner Zeitgenossen längst still und leise von der dunklen Reise in die Geschichte meines Volkes davongemacht, um mich in der Idylle zwischen Wirtschaftswunder und Love and Peace, in der ich aufgewachsen war, häuslich einzurichten.Mit der Lektüre seines Buches haben mich diese Gedanken eingeholt, und erst zu diesem späten Zeitpunkt, muss ich zu meiner Schande gestehen, habe ich mich wirklich geschämt.Plötzlich ging es um das Schicksal eines Menschen, den ich kannte und verehrte. Dieser musische, belesene, zutiefst friedliche Jugendliche Marcel Reich-Ranicki war ein deutscher Gymnasiast, in dem ich meine eigenen Ideale wiederfinden konnte, wurde für mich zum Sinnbild des unschuldigen Opfers, zum Helden des Vergebens, aber Gott sei Dank nicht Vergessens.Es ist zu seinem Tode viel Kluges über diesen außergewöhnlichen Menschen gesagt worden und ich gehöre nicht in die Reihe derer, die etwas hinzufügen können. Ich stehe hier sozusagen als Vertreter der geistigen Mittelschicht, der Mehrheit in diesem Lande.Ich war gerührt von der Anteilnahme, die ich gerade auf meiner Ebene gespürt habe nach seinem Tod. In vielen Online-Foren, auf denen sonst fast ausschließlich gelästert wurde, ging es plötzlich nachdenklich zu. In dieses streitlustige Medium zog kurzfristig Frieden ein. In den bunten TV-Klatsch-Magazinen sah man plötzlich bedrückende Schwarz-Weiß-Fotos des Warschauer Ghettos. Der sonst immer um Jugendlichkeit bemühte Boulevard verneigte sich vor dem Tod eines weisen alten Mannes.Und so versuche ich es als Sprecher dieser Masse an dieser Stelle ein zweites Mal. Marcel, Du hättest tausend Gründe gehabt, dieses Land, nachdem, was es Dir angetan hat, zu hassen. Aber nichts hat Dir die Liebe zu seiner Musik und seiner Literatur nehmen können, nichts konnte Dich davon abhalten, uns, den Nachfahren Deiner Feinde, diese Liebe zu geben. Ich überreiche Dir dafür einen Lebenspreis, und keiner bedauert es mehr als ich, dass Du diesen Preis nicht mehr ablehnen kannst.“

Max Müller für Joseph Hannesschläger

Meine sehr geehrten Damen und Herren !

Liebe Kollegen !

Liebe Freunde !

Der Joseph und die Bettina haben mich schon vor einiger Zeit gebeten, heute ein paar Worte zu sprechen.

Diesem Wunsch möchte ich gerne nachkommen.

Meine Damen und Herren, das Wort „Freund“ ist für mich ein Ehrentitel.

„Freund“ - das sage ich nur sehr wenigen Menschen.

Der Joseph war ein Freund.

Ich kann mich noch sehr gut an unser Kennenlernen erinnern.

Es war, ich weiß sogar noch das Datum, der achte Mai im Jahr 2000.

Ich hatte, nach sieben Jahren im Theater in der Josefstadt, beschlossen, die Sicherheit des Staatstheaters mit der freien Wildbahn zu tauschen und mein Glück in Deutschland zu suchen.

Genauer gesagt, in München.

Genauer gesagt, beim Casting zu einer neuen Bayerischen Krimiserie.

Arbeitstitel „Die Rosenheim-Cops“.

Und dementsprechend aufgeregt war ich.

Vor dem Medium Fernsehen, vor Deutschland und natürlich vor Bayern, das uns Österreichern so vertraut ist, und halt doch - so erfrischend anders.

Und der erste Mensch, dem ich im Zuge dieses Castings begegne, ist der Joseph Hannesschläger.

In all seiner bayerischen Pracht und mit allen Abgründen seiner wunderschönen schwarzen Stimme.

Ich kannte ihn nicht. Das war gut.

Beide Herren : ausgesprochene Ratschkateln. Das war hilfreich.

Und nach ca einer halben Stunde angeregten Gesprächs über

die Münchner Theater, über den Wiener Schmäh, über mehr oder weniger böse Kollegen, da wie dort, über gutes Essen und über die Vor - und Nachteile von Grünem Veltliner und von Erdinger Weißbier, schritten wir schließlich, durchaus erheitert, zur ersten von vielen gemeinsamen Zweierszenen.

Und es wurde ein kleines Fest.

Die Unterschiede der beiden Herren konnten größer nicht sein und das Vergnügen an der Spielfreude des jeweils anderen auch nicht.

Für die Rolle des damals noch namenlosen Polizisten der Serie kamen noch zwei andere Kollegen in Frage. Beides ausgezeichnete Schauspieler und beide absolut schwarzhaarig.

Es kam der Einwand, naja mit einem schwarzhaarigen Polizisten hätte man in der Besetzung der männlichen Hauptrollen mit dem Joseph und dem Markus Böker ein ziemlich dunkles Herren Ensemble ...

Und dann kam der Moment, der mein Leben in den Grundfesten erschüttern sollte.

Der Joseph ergriff das Wort und sprach : „Naja, dann nehmt s halt den Max Müller.

Der is blond und spuin kann er a !“

Sein Wort hatte Gewicht, ich war im Sattel und was folgte,

waren zwanzig spannende gemeinsame Jahre.

Der Joseph war in allem, was er tat und war, XXL. Mindestens.

Wenn seine Sonne geschienen hat, war es der schönste Sommertag, den man sich vorstellen kann und wenn nicht, dann war ziemlich schnell und ziemlich unmißverständlich klar :„The King is not amused.“

Ein Schauspieler mit einer geradezu unverschämten Präsenz. Eigentlich eine Urgewalt.

Selbstbewußt. Ungebremst. Ohne Zügel.

Als Kollege interessiert an zweierlei: einerseits an seinem schauspielerischen Gegenüber, das er geradezu studieren konnte, wie einen interessanten Käfer, oder manchmal natürlich auch - wie einen wunderschönen Schmetterling.

Und andererseits an der kompromisslosen Umsetzung einer Szene, so wie er sie verstand, und wie er sie realisiert wissen wollte. Und nachdem ich mindestens ein ebensolcher Sturschädel bin wie er, blieb die eine oder andere heftige Auseinandersetzung natürlich nicht aus.

Und einmal im Jahr durfte ich ihn sogar anschreien. Ganz offiziell. Auf das hat er sich immer sehr gefreut, hat sich zurückgelehnt, hat mich schreien lassen und so nach ca 2 bis 3 Minuten kam dann „So, bist jetzt fertig?“

Und dann hamma glacht.

Diese Unnachgiebigkeit in künstlerischen Fragen kam bei ihm allerdings nicht von ungefähr. Sie war das Ergebnis von szenischem Gespür, einer großen theatralischen und filmischen Bildung und dem Wissen, wann etwas wirkt und wann eben nicht.

Und er hatte mit seiner Sturheit schon ziemlich oft recht.

Vom Joseph hab ich gelernt, was „Barock“ alles sein kann.

Weil, „barock“ war eigentlich alles, was er war, und wofür er stand: ein Lebemann, der ins Leben hineinbeißt, wie in einen reifen Apfel.

Dem so gut wie nichts fremd ist.

Er selber die Quintessenz seiner barocken Bayerischen Heimat, oder eigentlich seiner Münchner Heimat, die er so sehr geliebt hat.

Barock, das ist aber nicht nur Lebensfreude, Barock heißt auch, das Leben annehmen, wie es ist.

Mit aller Hingabe. Bis zum Unbegreiflichen.

Und er hat das Leben angenommen.

Und auch das Sterben.

Klar, demütig und ohne Kompromisse.

Ein Mensch mit dem, was Gesellschaft, Kunst und Medien so gerne und so modisch „Ecken und Kanten“ nennen.

Was einerseits gefordert wird, denn nur dann ist man ein ernstzunehmendes Mitglied dieser Gesellschaft, und was dennoch so zögerlich so halbherzig akzeptiert wird, wenn sie dann tatsächlich da sind. Die Ecken und Kanten.

Ecken und Kanten sind definitiv spannend.

Aber sie sind auch unbequem.

Sie können sogar wehtun.

Der Joseph war ein Mensch mit Ecken und Kanten.

Und mit einem sehr großen Herzen.

Und er war mein Freund.